Corona: Italien kämpft mit der Erblast der 90er

Italien und Corona-Krise: die Erblast der Neunziger
Venedig | © Karsten Würth

Der vorliegende Artikel ist kein Kommentar zum Brief an die «Lieben deutschen Freunde» von 12 italienischen Politikern. Man kann die Gelegenheit dazu nutzen, auf zwei Elemente der Gegenwart und der jüngsten Geschichte Italiens hinzuweisen. Das soll die Verfasser jenes Schreibens nicht entlasten. Es geht um die Wirkung der russischen Propaganda und um die Generationswende der Neunziger.


Am 31. März fanden die Leser der Frankfurter Allgemeinen in ihrer Lieblingszeitung eine seltsame Werbeseite. Einen Brief an die «Lieben deutschen Freunde,» gezeichnet von 12 in Deutschland so gut wie unbekannten Bürgermeistern und Regionalgouverneuren Italiens, die an die deutsche Öffentlichkeit für mehr Solidarität in der Corona-Krise appellieren. Der vorliegende Beitrag ist kein inhaltlicher Kommentar zu jenem ruhmlosen Schreiben. Letzteres enthält unter anderem sachliche Fehler in Bezug auf die Abwicklung der deutschen Kriegs- und Auslandsverschuldung. Das beste Schicksal eines solchen Werbeblattes ist, dass es so schnell wie möglich in Vergessenheit gerät. Doch kann man diese Gelegenheit dazu nutzen, auf zwei Elemente der Gegenwart und der jüngsten Geschichte Italiens hinzuweisen, die ausserhalb des Landes weniger geläufig zu sein scheinen.

Dieser Kommentar ist nicht dazu gedacht, die Urheber der genannten Zeitungsanzeige zu entlasten. Ich möchte sie auch nicht schlechter reden, als sie es verdient haben, denn das Verdiente ist schon schlecht genug. Es geht hier, soweit der enge Rahmen es zulässt, um die verheerende Wirkung der russischen Propaganda und um die italienische Generationswende der Neunziger.

Russische Propaganda bleibt heute niemandem erspart, den Deutschen auch nicht. In Italien verzeichnet sie Erfolge wie nirgendwo sonst im Westen. Die Russen haben dabei leichtes Spiel. Von den vielen Ursachen dieser Erfolge nehme ich hier nur eine: Italien hat kein professionell betriebenes Mediensystem. Fake news und politische Propaganda aus Russland stossen in anderen Ländern auf die Barriere des Berufsjournalismus. Das schaltet die falsche Berichtserstattung zwar nicht völlig ab, aber dämmt ihre Auswirkungen schon bemerkbar ein. Die Italiener, im Gegensatz zu anderen, bleiben dem russischen Narrativ hilflos ausgeliefert.

Die Corona-Krise hat nochmals gezeigt, wie die Berichtserstattung des italienischen Fernsehens, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, den Posaunen der Moskauer Weltanschauung keine Dämpfung, sondern eher eine Verstärkung stellt. Die kostenpflichtigen Papierzeitungen sind teilweise besser ausgerüstet, aber Zeitungen lesen mittlerweile nur noch die wenigsten. So ertönte tagelang in den italienischen Häusern das Loblied der russischen und chinesischen Corona-Hilfestellung. Über die Hilfen aus den EU-Mitgliedsstaaten, kein Wort, aber buchstäblich kein Wort.

Diese Sachlage hat ideologische Hintergründe, die ich hier nicht einmal ansatzweise besprechen kann. Unter einem rein praktischen Gesichtspunkt: Dubiöse Karrieresprünge, politische Abhängigkeiten, schwache Analysefähigkeit machen italienische Journalisten gefügig und manipulierbar. Wie kann man erwarten, dass Nachrichten nachgeprüft werden, wenn Journalisten an den dafür notwendigen Grundkenntnissen mangeln und die Berichterstattung mit schmählichen Fehlern sogar in der eigenen Muttersprache behaftet ist?

Nun, zur Generationswende der Neunziger Jahre. Die meisten Beobachter verbinden die italienischen Neunziger mit dem politischen Aufstieg Silvio Berlusconis. Wer denke, das Verkümmern des italienischen öffentlichen Lebens zu einer gigantischen Fernsehshow sei nur ihm zuzuschreiben, täusche sich aber. Ich habe die Jahre der italienischen Wende in Mailand erlebt, unweit von Universitäts- und Gesellschaftskreisen, in denen sich diese Entwicklungen noch untergründig und doch schon erkennbar vorbereiteten. Man begann eben damals, schwache Figuren zu den Politikern zu schmieden, die das Italien der Nullerjahre prägen sollten. Man setzte eher auf die aufstrebenden Mittelmässigen, als auf die anspruchsvollen Besten, weil man Gefügigkeit suchte. Christliche Gruppierungen, ursprünglich als Anlaufstellen für dürftige Seelen gedacht, wurden grösser und mächtiger, bis sie eigene Kandidaten zur Wahl stellten und sich in massgebliche Akteure von Politik, Medien und Wirtschaft verwandelten.

Indem die Neuen aufstiegen, schieden die älteren Politiker des Nachkriegsaufschwungs aus; die einen schwanden aus Altersgründen, die anderen wurden ins Gefängnis verabschiedet, denn nicht einmal die früheren Generationen bestanden nur aus Tadellosen. Alte Dozenten und Intellektuelle, die den Wiederaufbau Italiens nach dem zweiten Weltkrieg begleitet hatten, wurden von jüngeren, dünneren Gestalten abgelöst. Man atmete den Rausch nach dem Neuen und man begann, ohne es zu merken, in der Belanglosigkeit zu baden.

Es entstand eine Generation von politischen Anführern, die auch heute noch alle miteinander gleich aussehen, egal, welcher Partei sie angehören. Das Urgestein des heutigen italienischen Populismus liegt im Menschentypus, der sich durch die Ereignisse der Neunziger ausgestaltet hat: Eine Mischung von Volksnähe, Schulbubenstolz und Übermut des Erfolgsverwöhnten. Bei einem lauert die späte Rache des Verkannten, der andere kräht mit der Gockelhaftigkeit des Aufgestiegenen, der es zu etwas gebracht hat, seinen bescheidenen Schulnoten zum Trotz. Heute sind sie alle zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig. Naja… Politiker sind auch im deutschen Sprachraum nicht mehr das, was sie früher waren, allerdings sank die Abstiegskurve in Italien viel tiefer als irgendwo sonst ab.

Diese Politiker müssen nicht schlecht sein. Einige unter ihnen haben sich als Bürgermeister, Vorsitzende von Regionalregierungen oder Minister bewährt, soweit es um rein technische Funktionstüchtigkeit ging. Die Corona-Krise zeigt doch jeden Tag deutlicher, wie schnell die Funktionstüchtigen mit ihrem Latein am Ende sind, wenn die Stunde der Wahrheit schlägt. Es fehlt an Verankerung in einer klaren Wertvorstellung, geschweige denn von Langsichtigkeit und Verständnis für Geschichte und Kultur.

Diese Anmerkungen gelten nicht nur den Politikern, sie passen ebenso gut auf die Menschen, die ihre Volksvertreter in öffentliche Ämter hieven. Wähler und Gewählte bilden gemeinsam den besten Boden für die russische Propaganda, um wieder beim Anfangspunkt zu landen. Eine ganze Generation von Italienern erhofft sich für Italien genau das Gesellschaftsmodell, das Russland ihr vorschwebt, von Aleksandr Dugin in seiner «vierten politischen Theorie,» der Leitplanke der Aussenpolitik Putins, meisterhaft dargelegt. Ein autoritäres Gefüge, in dem der Mensch ein anspruchsloser Halbwüchsiger bleibt. Ein Bürger, dessen Blickfeld die Grenzen seines Landes nicht übersteigt. Die Herausforderungen der Vielfalt einer offenen Gesellschaft sind ihm zu hoch; Religion, Vergangenheit und Tradition sind ihm Nahrung und Trost.

In den letzten 30 Jahren hat sich das Misstrauen gegenüber Europa, den Deutschen, den Franzosen und allem, was nur anders denkt und spricht, in Italien nur verdichtet. Das hat nichts Rassistisches an sich. Es ist das Ergebnis der Verherrlichung der Einfalt als Massgabe für ein ganzes Volk.

Die Korona-Krise bringt die Erblast der Neunziger zu Tage: Die Besserwisserei einer ganzen Generation schlägt in erbärmliches Geschwafel um. Ob die nachfolgende Generation in der Lage sein wird, diesem Erbe ein ausreichendes Gegengewicht aufzuladen, kann noch nicht beurteilt werden.

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Luca Lovisolo

Ich arbeite als freiberuflicher Forscher für Recht und internationale Beziehungen, sowie im Fachbereich der juristischen Sprachübersetzung. Schwerpunkt meiner Arbeit ist Mittel- und Osteuropa.

Kommentare

  1. Giuseppe Mazzoni says:

    Sono totalmente d’accordo. Credo che le persone che riescono ad avere dei punti vista non offuscati dalla manipolazione imperante in Italia, abbiano il dovere morale di farsi sentire.

    • Luca Lovisolo says:

      Grazie per il Suo apprezzamento.

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Luca Lovisolo

Lavoro come ricercatore indipendente in diritto e relazioni internazionali. Con le mie analisi e i miei corsi accompagno a comprendere l'attualità globale chi vive e lavora in contesti internazionali.

Tengo corsi di traduzione giuridica rivolti a chi traduce, da o verso la lingua italiana, i testi legali utilizzati nelle relazioni internazionali fra persone, imprese e organi di giustizia.

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